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Wednesday, May 12th 2010, 8:19pm

Initiationstraum eines Schamanen

Der Schamanismus ist eine Sonderform des Geisterglaubens, demzufolge der Schamane nach diesem Glauben von den Geistern ausgewählt wird. Es gibt mehrere Arten zur Auswahl, deren eine der Traum ist. Bei einer Samojedengruppe, die auf der nördlichen Halbinsel Taimyr lebt, notierte in den 30er Jahren A.A. Popow die folgende poetische Geschichte über den Initiationstraum eines Schamanen.
„Er lag an den Pocken erkrankt drei Tage lang ohne Bewusstsein und gleichsam tot da, so dass man ihn am dritten Tage schon beerdigen wollte. Während dieser Zeit hörte er die Stimme der Krankheit (also der Pocken), die ihm sagte: Vom Herrn des Wassers wirst Du das Geschenk des Schamanentums bekommen. Dein Schamanenname wird „Huttari“ (Schwimmer) sein. Danach wühlte die Krankheit das Wasser des Meeres auf. Er kam heraus und stieg auf einen Berg. Hier traf er eine nackte Frau und er fing an, an ihrer Brust zu saugen. Die Frau, die wahrscheinlich die Wasser-Mutter war, sprach zu ihm: „Du bist mein Kind, deshalb lasse ich Dich an meiner Brust saugen. Du hast viele Schwierigkeiten vor Dir und wirst sehr müde werden.“ Dann gab ihm der Mann der Wasser-Mutter zwei Helfer zur Seite, eine Marderin und eine Maus, damit sie ihn in die Hölle führten. Sie kamen auf einen hohen Berg, wo seine Helfer ihm sieben oben zerrissene Zelte zeigten. Er drang in das erste und begegnete den Bewohnern der Hölle und den Leuten der Krankheit (der Pocken). Sie rissen ihm das Herz aus dem Leib und warfen es in einen Topf. In den anderen Zelten lernte er den Herrn des Wahnsinns und die Herren aller Nervenkrankheiten sowie die schlechten Schamanen kennen… Der Anwärter kam danach, noch immer seinen Helfern folgend, in das Land der Schamaninnen, die seine Kehle und Stimme stärkten. Hierauf wurde er an die Ufer der Neun Meere gebracht. In der Mitte des einen war eine Insel, und in der Mitte der Insel ragte eine junge Birke bis zum Himmel auf. Das war der Baum des Herrn der Erde. Daneben wuchsen neun Kräuter, die Vorfahren aller Pflanzen der Erde. Den Baum umgaben die Meere, und in jedem Meer schwamm eine Vogelart mit ihren Jungen… Der Anwärter besuchte alle diese Meere, manche waren salzig, andere so warm, dass er nicht einmal in die Ufernähe konnte. Nachdem er diesen Rundgang gemacht hatte, hob er den Kopf und erblickte oben auf dem Baum Menschen aus mancherlei Nationen: Tawgi-Samojeden, Russen, Dolganen, Jakuten und Tungusen. Er hörte eine Stimme: „Es ist beschlossen, dass Trommel und Deine Schlegel aus diesem Baum sein werden!“ Er begann mit den Vögeln des Meeres zu fliegen: „Gleich fällt ein Ast von mir ab, nimm ihn und mach eine Trommel daraus, sie wird Dir Dein ganzes Leben lang dienen.“ Dieser Weg war dreifach gegabelt, und der Herr des Baumes bestimmte, dass er sich drei Trommeln machen und sie bei drei Frauen verwahren und jede Trommel zu bestimmten Zeremonien verwenden sollte… Die Maus und das Hermelin, seine beiden Helfer, die ihm den Weg wiesen, führten ihn hernach auf einen hohen runden Berg. Er bemerkte eine Öffnung vor sich und drang in eine sehr helle Höhle ein, sie war von Eis überzogen, und in der Mitte befand sich etwas wie ein Feuer. Er sah zwei nackte, aber wie die Rentiere mit Fell überzogene Frauen. Dann erkannte er, dass gar kein Feuer brannte, dass die Helligkeit von oben kam, durch eine Öffnung. Die eine der beiden Frauen erklärte ihm, sie sei schwanger und werde zwei Rentiere gebären; das erste werde das Opfertier der Dolganen und Ewenken, das andere das der Tawgi sein. Sie gab ihm ein Tierhaar, das werde für ihn wertvoll sein, wenn er für Rentiere schamanisieren müsse. Auch die andere Frau würde zwei Rentiere zur Welt bringen, solche, die dem Menschen bei allen Arbeiten helfen und ihm als Nahrung dienen würden. Die Höhle hatte zwei Öffnungen, eine nach Norden und eine nach Süden, durch jede ließen die Frauen ein junges Rentier hinaus, damit die Tiere den Menschen des Waldes (den Dolganen und Ewenken) dienten. Auch die andere Frau gab ihm ein Tierhaar, damit er sich in der Seele zur Höhle hinwandte, wenn er schamanisierte.
Dann kam der Anwärter in eine große Einöde und bemerkte weit in der Ferne einen Berg. Nach drei Tagen Fußmarsch erreichte er ihn, drang durch eine Öffnung ein und begegnete einem nackten Mann, der mit einem Blasebalg arbeitete. Auf dem Feuer stand ein Kessel, so groß wie die halbe Erde. Der Mann bemerkte ihn und schnappte ihn mit einer riesigen Beißzange… da schnitt ihm der Mann den Kopf ab, schnitt ihn in kleine Stücke und warf alles in den Kessel. So kochte er seinen Körper drei Jahre lang. Er hatte drei Ambosse, und der nackte Mann hämmerte seinen Kopf auf dem dritten, der dazu diente, die besten Schamanen zu schmieden. Dann warf er den Kopf in einen der drei Töpfe, die da waren, in den, worin das Wasser am kältesten war…
Hierauf fischte der Schmied seine Knochen, die in einem Fluss schwammen, wieder heraus, setzte sie zusammen und überzog sie mit Fleisch. Er zählte sie und klärte ihn auf, er habe drei mehr: er müsse sich also um drei Schamanengewänder kümmern. Er hämmerte seinen Kopf und zeigte ihm, wie er einen Brief lesen kann, ohne zu sehen, was darin steht. er tauschte seine Augen aus, deshalb sieht er beim Schamanisieren nicht mit seinen körperlichen, sondern mit seinen mystischen Augen. Er durchbohrte seine Augen, so befähigte er ihn, die Rede der Pflanzen zu verstehen. Dann fand sich der Anwärter auf der Spitze eines Berges wieder, und schließlich erwachte er bei den Seinen in der Jurte. Jetzt ist er imstande zu singen und zu schamanisieren, ohne jemals müde zu werden.“
Diese Schilderung fasst mit allen Einzelheiten die wichtigsten Elemente der Schamanenweihe zusammen: das Erlebnis der symbolischen Zerstückelung, die Vorstellung von dem himmelhohen Baum, das Gebot, eine Trommel herzustellen, die Aufgaben des Schamanen und die verschiedenen Trommeln, die Hilfsgeister in Tiergestalt (Maus, Hermelin) und die Reisen in die obere und untere Welt.

Aus: „Schamanen und Schamanismus“, von Mihály Hoppál, Pattloch, Augsburg 1994